How do you do? Wie geht es dir?

Markus Frehrking: How do you do? Wie geht es dir?. In: Pakt Nr. 9 (1996)

Die Kunst mit dem Kontext wird immer erst dann richtig spannend, wenn das Argumentieren im eigenen Saft zu einem Nachdenken über etwas wird, was den Alltag vieler betrifft. Zum Beispiel Englisch lernen. Say hello to Tom, Peggy & Markus (Frehrking).

Kapitel 21 heisst "Preparing for a demonstration". Darin steht: "Anne and her friends have come to the youth club this evening to prepare for the demonstration. They are making banners. The young people are very busy. Tom has just made a banner with the words SAVE OUR JOBS. Peggy is talking to Sandra. Sandra has never been here before, and she has never made a banner. Peggy will help her." Das muss lange her sein, bzw. das ist eigentlich nicht gerade der Stoff aus dem Englischunterricht unseres Vertrauens.

Wir befinden uns in English for You 1, dem Buch zum gleichnamigen DEFA-Fernsehsprachkurs von 1965 (der leider nicht mehr komplett erhalten ist) und sogleich mitten im aktuellen Hauptthemenfeld der Berlinerin Katrin von Maltzahn. Seit 1994 beschäftigt sich die 1964 in Rostock geborene und 1977 in den Westen übergesiedelte Künstlerin mit Strukturen und Formen der Vermittlung englischer Sprache in verschiedensten Bild-Text-Kombinationen.

Unter Walter Ulbricht beschloss die DDR 1958, die Unterrichtssprache Englisch einzuführen und somit über ein Land zu informieren, das die eigenen Bürger gemäß Plan nie zu sehen bekommen wuerden. Die mit linken Systemen sympathisierenden Schauspieler aus England, die die Aufgabe übernahmen, Peggy und Tom zu sein, hatten daher neben London usw. auch eifrig Dresden, die Leipziger Messe und den Palast der Republik zu besichtigen. Zuerst reproduzierte von Maltzahn aufgeschlagene Seiten des Lehrbuches - immer mit Rand und Lesezeichen -, machte daraus 70x50cm grosse Siebdrucktafeln und zeigte parallel dazu elf Ende der 70er in Babelsberg produzierte Folgen der Sendung auf Video. Des weiteren hat von Maltzahn sich Kopien sowohl von britischen Zeitungsartikeln über die damals neuen Stars als auch von deren Schauspielerverträgen und Auszeichnungsschreiben besorgt; 1994 interviewte sie sogar die Ex-Protagonisten in London.

Zur mittlerweile auf 99 Blätter angewachsenen "Materialsammlung" English as a foreign language zählen ausserdem abgepauste Fotos der genannten Bücher (mit Tesa aufgeklebtes Transparentpapier), eigene Collagen des Bild- und Textmaterials (Siebdruck), Filmstills aus der TV-Version (S/W-Fotos) und von Schülern "verschönerte" Illustrationen in einer 87er-Neuauflage von English for You.

Jüngst, also 1995 und -96, kamen isolierte und kolorierte Foto-Text-Kombinationen (beides ebenfalls Siebdruck) und von ihr selbst nachgestellte Handlungsschemata des Kurses hinzu ("take/put" - jemand tut sich einen Kegel auf/von dem Kopf oder "give/get" - eine Hand gibt/nimmt der anderen einen Kegel, jeweils Foto und Zeichnung). Die ganze Kollektion wurde kürzlich vom Künstlerhaus Bethanien, welches Anfang des Jahres die Philipp Morris-Stipendiatin von Maltzahn ausstellte, in einer Art Werksverzeichnis publiziert.

Auch wenn Schlauberger jetzt "Ha! KontextKunst!" rufen und damit ja auch nicht ganz unrecht haben - auch Katrin von Maltzahn war bei der entsprechenden Grazer Ausstellung 1993 vertreten -, so wird dieses Etikett der Arbeit jedoch nicht ganz gerecht.

Hier werden nicht holzhammerartig aufklärend Gegenstände vor die Füsse des Betrachters gelegt, deren hinterlistig eingesetzte Bedeutung man zur Aufschlüsselung der systemkritischen Aussage nur noch Baukastenlike "zusammendenken" muss, wie man heute sagt. Der subjektive Anteil der eigenen Kindheitsgeschichte hingegen und eine ausgeprägte Bildvorstellung übertönen dieses Anliegen deutlich. Von Maltzahn macht hier alles andere, als verkniffen und rotzig festzustellen, sie reagiert zum einen ziemlich eigenwillig und gewitzt auf ein Konstrukt und untersucht, in welcher Weise Bilder der Sprachvermittlung behilflich, geradezu unerlässlich sind, zum anderen erarbeitet sie sich eine wichtige Spur nicht nur ihres eigenen Lebens.

Das Erlernen der englischen Sprache ist nun einmal Grundvoraussetzung der Teilnahme am westlichen Standard von Alltags und Popkultur seit den Zeiten der alliierten Besatzung und ist mittlerweile ja auch unverzichtbar in der international getünchten Weltkommunikation im Internet. Englisch ist der gemeinsame Code in Werbung, Technik und Wissenschaft, somit die Sprache des Kapitalismus, die auch in der halbwegs überstandenen innerdeutschen Ost-West-Kollision eine wichtige Rolle einnimmt. Fremdsprachenkurse sind immer auch kulturelle Transferbemühungen.

Die von heute aus einfach zu belächelnden "How do you do"- Anstrengungen beiderseits der Mauer spiegeln zudem ganz deutlich die genormten Politansprüche wider: hüben die reiselustige britische Kleinfamilie mit gutem Auskommen in der freien Wirtschaft, drüben die sozialistisch gedrechselte Jugendfreude beim Schätzenlernen von Gewerkschaftstreffen und Marx. Auch wenn man bei von Maltzahns Abnahmen und Bearbeitungen herrlich semiotisch über einen Beitrag zu Bedeutungsverschiebungen mittels linguistisch ausgerichteter Experimentalanalyse schwärmen könnte, und auch wenn es hier unbestreitbar ein wenig um die Struktur von Informationsbildung und Mediengebrauch geht, das allein wäre eine trockene Angelegenheit und eher Thema für eine Dissertation. Zur Erinnerung: Bilder sind hier nicht nur Untersuchungsgegenstand, sondern zugleich auch Endprodukt der Arbeit.

In den jüngeren Manipulationen abgepaust, partiell koloriert, isoliert - ist nun ein Loslösen vom Ausgangsmaterial zu beobachten, meine ich den Willen zu erkennen, sich vom selbst abgesteckten Terrain langsam wieder etwas zu entfernen und die didaktische Formel des "So war das" zu vernachlässigen, um zu ganz eigenständigen Bildtafeln zu gelangen. Mittlerweile kann man nämlich nicht einmal mehr sagen, ob die auf den Drucken verwendeten Bildunterschriften wirklich ursprünglich zu den Bildern gehörten oder ob die Bilder woanders herstammen, die Zeilen gar erfunden sind. Die Quellen und das Bohren im Stoff sind ein paar Schritte zurück getreten, Ästhetik, eigener Charme und Humor ein paar nach vorne.

Was in der Englisch-Serie im Kleinen als Entwicklung innerhalb von zwei Jahren zu sehen ist, wird im Grossen bestätigt, wenn man die älteren Arbeiten der Künstlerin zum Vergleich nimmt, die schon originell und pointiert sind, sich aber noch allzu rasch erklärt und erledigt haben, hat man erst das zumeist kunstsystemkritische Prinzip durchschaut. In Fußnoten (1992) etwa überklebte von Maltzahn Teile von Künstlerportraits aus Katalogen mit den zugehörigen Legendenschildchen in dekonstruierender Geste. In private Systeme (1994) waren auf je einem Regalbrett alle Computerdateien, die die Künstlerin bis dato pro Arbeit angesammelt hatte, durch Icon und Namen selbstironisch auf einzelnen Plexiglasaufstellern dargestellt. In Eskimos verfügen über eine Vielzahl von Unterscheidungen für Schneearten (1994) liess sie eine Sprecherin in alphabetischer Reihenfolge alle Worte, die im Konzepttext der ausstellenden Institution enthalten waren, auf Tonband sprechen, dieselben waren gleichzeitig auf Papierstreifen in einer Vitrine ausgestellt. Das alles hatte sicherlich Esprit und einen reflexiven Charme bezüglich des immer wieder behandelten >Betriebssystems Kunst<, blieb aber meiner Ansicht nach immer auch genau da hängen und war schlicht und unausweichlich Teil desselben. Dieses langjährige strukturelle Arbeiten und das somit gut geölte Handwerkszeug zur thematischen Vertiefung und zur Kombination von Bild und Text zahlen sich jedoch jetzt aus.

In der "Englischarbeit" kommt genau das so genial einfach zum Tragen, was ich in den älteren Installationen usw. noch vermisse: eine unverwechselbare visuelle Handschrift und ein Thema ausserhalb des Kunstkanons. Für diejenigen, die genug kühle Systemkritik gesehen haben, sind Katrin von Maltzahns English for You-Tafeln - besonders die neuesten - eine schöne und smarte Variation an den Rändern dieses Faches. Eine einnehmende Ästhetik jedenfalls hat den Inhalten guter Kunst noch nie geschadet.