Katrin von Maltzahn – Meine privaten Sprachen.

Michael Hauffen: Katrin von Maltzahn – Meine privaten Sprachen.
In: Kunstforum Bd. 150 (April - June 2000). P. 420

Insofern die Kunst eine mannigfaltige Sinnlichkeit gegenüber den restriktiven Normen der Gesellschaft vertritt, steht sie auch in Opposition zum Computer, der zwar neue Möglichkeiten eröffnet, aber auch vieles verdrängt und allem, bis hin zu den kompensatorischen Rauschzuständen, seine beengenden Modalitäten aufzwingt. Der Wunsch gegenüber den elektronischen Medien Alternativen zu entwickeln, unterscheidet sich allerdings nicht grundsätzlich von früheren Ausbruchsversuchen aus dem Bereich kontrollierter Normalität. So tauchen auch heute im Feld der net.art bekannte Muster von Ironie, Subversion und Kritik wieder auf. Wirklich spannend scheint es allerdings nur in den seltenen Fällen zu werden, wo sich "Fluchtlinien" bilden, die die Grenzen regulärer Opposition überschreiten.

Katrin von Maltzahn (KvM) liefert für diesen Unterschied einige Anhaltspunkte. Ihre Auseinandersetzung mit der Formation des Internets greift auf konzeptuelle Strategien zurück. Es geht darum, mit den Medien zu spielen, um sich von ihrer sublimen Macht zu befreien. KvMs charakteristischer Schachzug besteht darin, die Logik der medialen Innovation umzukehren, d.h. neue Medien in alten, und aufgeblasene Formen in nüchternen zu spiegeln. Die Faszinationskraft beider Seiten wird dadurch eigentümlich geschwächt, und es gelingt mit Leichtigkeit die vorherrschenden Überspanntheiten zu kompensieren um für weniger oberflächliche Neigungen Raum zu schaffen. Wenn die Künstlerin auf solche extrem traditionellen Techniken wie das Modellieren mit Tonerde oder das Aquarell zurückgreift, kann man fast sicher sein, dass sie im Sinne der Apologeten des Fortschritts voll daneben gegriffen hat. Aber der Witz dabei ist, daß diese Abweichung von progressiven Standards nichts mit Flucht oder Ressentiment zu tun hat. Gerade etwa die Kombination von Aquarell und Website bzw. Monitor gibt der Arbeit einen Kitzel, der viel mehr zum Lachen als zum Wunsch nach einem schnelleren Gerät reizt. Benutzeroberflächen werden derart als mögliche Varianten von Stilleben oder Landschaften gewertet, und als solche ausgetestet. Rollbalken lassen sich sogar mit Schluchten vergleichen, und Schriftzeichen - in Ausschnitt und Vergrösserung frei herausgegriffen - wirken dann wie Chiffren einer fremden Welt. Hierin liegt der stärkste Gegensatz zur Logik der elektronischen Kommunikation. Denn wenn dort auch alles flexibel und variabel scheint, so bleibt doch nirgends Raum für einen Möglichkeitssinn, der die Angepasstheit an den ganz normalen Optimierungsdruck in Frage stellt. Genau das scheinen jedoch die flüssig verteilten Pinselstriche zu suggerieren: es könnte auch alles ganz anders verlaufen.

Vor allem werden dabei Neigungen angedeutet, die zumeist nur im Privatbereich ausgelebt werden koennen. Distanzierung gegenüber multimedialer Ubermacht meldet KvM ausserdem an, indem sie die Bildschirmansichten in ihren "Window Views" durchgehend seitenverkehrt darstellt, und so die Identifikation der Empfänger mit den Sendern beeinträchtigt. Oder sie gibt, vor allem in der Wandzeichnung "Strukturskizze", tiefere Einblicke in die Komplexität von Netzstrukturen.

Dass KvM in vielen Fällen auf ihre eigene Homepage rekurriert, schränkt die Reichweite ihrer Lektüre gegen den Strich nicht ein. Denn sie hat auch hier alle wesentlichen Bauelemente verwendet, die der HTML-Standard anbietet. Eine Ausnahme bilden nur die sonst überall wuchernden eyecatcher, denen wohl anders als mit Ignoranz kaum zu begegnen ist.

Katrin von Maltzahns Blick landet so bevorzugt bei Elementen, die die Grundstruktur des Mediums bilden, wie buttons, Rollbalken oder Mauszeiger. Auch in ihren anderen Arbeiten spürt sie analog der "Grammatik" der Medien nach. Für die Fotoserie "Auf der Suche nach einer vollkommenen Sprache" wurden die 94 Zeichen des sogenannten Plain Ascii Code in Tonerde modelliert und dann mit blossen Händen frontal in die Kamera gehalten. "Portraits" wendet sich mit Techniken wie der AquatintaRadierung mehrfach einem Computermonitor zu - ein gewagter Versuch im Massenprodukt Reize zu entdecken, die nicht nur instrumentelle Reflexe auslösen.

Die Ausstellung zeigt darüber hinaus eine ältere Arbeit, "English for You", die sich mit Sprache in der Form beschäftigen, wie sie in Sprachkursen vermittelt wird, wobei eine ideologische Überfrachtung auffällt. Mit neonfarbenen Notizzetteln ("Post-its") und handschriftlichen Notizen in einem Lehrbuch unternimmt KvM den Versuch diese Art der Konditionierung zu neutralisieren und dokumentiert das Vorgehen anhand vergrössert abgebildeter Seiten. Speziell für die Ausstellung im Kunstraum München entwickelte sie eine zweiteilige Fotoarbeit, die ihren Zugang zum konkreten Ausstellungsraum über den Vorgang des Massnehmens artikuliert.

Über viele subtile Gesten formiert sich derart ein Widerstand, nicht nur gegenüber dem Konformismus der Werbebotschaften. Was durchkreuzt wird, ist auch die Mentalität derjenigen Benutzer programmierter Oberflächen, die sich am durchschnittlichen Verhalten orientieren, und meinen, sie könnten damit ihren Bedarf nach Sicherheit decken. Womöglich macht es schon einen bedeutenden Unterschied, wenn man sich für eine Weile "seinen privaten Sachen" überlässt, und den Kontakt mit dem Strom der multimedialen Suggestionen unterbricht.

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