Ignorieren oder Anwenden von Naturgesetzen

Katrin von Maltzahn: Ignorieren oder Anwenden von Naturgesetzen. In: Katrin von Maltzahn, Ebba Matz, On Moons, Maps and Butterflies. Erschienen anlässlich der Ausstellung On Moons, Maps and Butterflies, Kunstverein Tiergarten / Galerie Nord, Berlin 2012.

Ebba hat gerade zwei Jahre im schwedischen Atelier der „Cité des Arts“ in Paris verbracht. Es befindet sich in direkter Nachbarschaft zum deutschen, in dem ich 2002 gearbeitet habe. Beide liegen parterre. Ihre Grundrisse sind gleich – nur spiegelverkehrt. Die Scheiben des hellen, teilweise zweigeschossigen Arbeitsraumes sind bis auf Augenhöhe mit Milchglas versehen. An der Seite führt eine Wendeltreppe zu einer Empore. Rechts im deutschen, links im schwedischen Atelier grenzt das schmale Schlafzimmer an, mit nur einem Sehschlitz als Fenster zum Hof. 

Beim ersten Planungstreffen für die Ausstellung zeigte Ebba neue Arbeiten aus Paris. Eine Serie von Fotografien beruht auf der zufälligen Beobachtung, dass der minimale Lichteinfall in ihren dunklen Schlafraum auf dem Kopf stehende, seitenverkehrte Bilder des Hofes auf die Zimmerwand übertrug  – ein Effekt, der an die Urform der Kamera, an eine Camera Obscura erinnert. Eine andere Werkgruppe besteht aus Hinterglasmalereien. Auf Bilderpaaren sind Sternkonstellationen, Labyrinthe, Globen, Lichtkreise, Grundrisse, Fingerabdrücke, die gemalten Wortpaare „look!, lock!“ und „silent!, listen!“ zu erkennen. Diese Motive lassen an Wörter, wie Beobachtung, Kontrolle, Gefangenschaft und Freiheit, denken.

Vor einem Jahr bin ich nach langer Zeit wieder in Paris gewesen. An einem Abend wollte ich mit Freunden Couscous essen gehen. Ich schlug Belleville vor, denn ich erinnerte mich an zahlreiche nordafrikanische Restaurants dort. Stattdessen fanden wir lauter Läden, die mit bunt gemusterten afrikanischen Stoffen handelten. Auf ihren Etiketten stand „original African wax print fabrics – produced in Holland“. Ich nahm vier Ballen mit zurück in mein Atelier nach Berlin. Dort verwendete ich sie als Malgrund im doppelten Sinne: als Bildträger und Anlass für neue Projektionen und Bilder. Später bekamen sie den Titel „Screens“. 

Der Kunstverein Tiergarten hat seine Räume in Moabit – einem Bezirk, der früher zu Westberlin gehörte, aber durch die Entwicklung der Stadt immer weiter ins Zentrum rückt. Hier liegt das gewaltige Moabiter Gefängnis. Zunächst wollten wir diesen Bau als gemeinsamen Ausgangspunkt für die Ausstellung nehmen. Wir gingen von Ebbas Pariser Arbeiten und meinen in Melbourne entstandenen Oktogonbildern aus. Letztere sind angeregt durch den achteckigen Grundriss des La Trobe Reading Rooms der State Library of Victoria und einem kürzlich in der australischen Tageszeitung The Age erschienenen Artikel über eine Reise Jorge Luís Borges’ nach Melbourne im Jahr 1938. So wie diese Bibliothek sind auch frühe Gefängnisbauten häufig als Oktogon, Hexagon oder kreisförmig angelegt – allerdings mit einer zentralen Beobachtungsstelle in der Mitte, als Panopticon. 

Die Räume des Kunstvereins sind langgestreckt und mit einer großen Fensterfront zur Straße versehen. Von draußen wirken sie wie eine Bühne oder eine Abfolge von Dioramen. Diese räumliche Situation hat uns zu einer anderen Ausstellungsidee geleitet. 

Ebba entwickelte eine Installation, betitelt nach dem berühmten Zitat „No man is an island“ von John Donne. Sie besteht aus tausend Zinngüssen, die in Kreisformationen von der Decke hängen. Dazu fällt mir Hans Christian Andersens Geschichte „Der standhafte Zinnsoldat“ ein, in der aus einem alten Löffel viele Zinnsoldaten gegossen werden. Sie geraten alle gleich – bis auf einen einzigen. Und natürlich ist es dieser besondere Einzelgänger, dessen bewegte Lebensgeschichte das Märchen schildert. Weißmetall und rätselhafte Gestalt lassen auch an einen alten Silvesterbrauch denken – das Bleigießen. 

1996 hatte Ebba ein Stipendium am Künstlerhaus Bethanien in Berlin. Auch hier war sie meine Nachbarin – um ein Jahr zeitversetzt. Eine ihrer Arbeiten, mit der ich damals Bekanntschaft machte, heißt „Vi gå“ („Wir gehen“). Ein fragiler Körper setzt sich gerippeartig aus Silikonfäden zusammen. Elektrisch angetrieben, schleppt er sich an einem hoch durch den Raum gespannten Drahtseil hin und her. Ich wundere mich noch heute über diese seltsame Figur, die gleichzeitig humorvoll und tragisch anmutet. Der Titel der Installation lässt mich fragen, ob diese Figur laufen lernt oder mit der Künstlerin im Bunde abhaut? 

Schon bevor ich in die Schule kam, bläute mein Vater mir die Kreiszahl π und ihren Zahlenwert 3,14159265... ein. Mithilfe dieser Zahl, so seine Erklärung, lasse sich bei Kenntnis des Durchmessers ein Kreisumfang berechnen. Nur selten habe ich diese Formel angewandt. Seit einigen Jahren allerdings tauchen vermehrt Kreise in meinen Arbeiten auf – als Grundelement zum Konstruieren von Oktogonen und Hexagonen, überlagert und verschlungen, als Tortendiagramme, Raster und Muster. Dabei ist jedoch nicht die mathematische Konstante mein Werkzeug, sondern die Kreisform selbst – mit der Hand gezogen oder mit Nadel und Faden konstruiert.

Es ist eine populäre Legende, dass die Inuit eine große Anzahl von Wörtern für Schnee besitzen. Ich las einen Artikel über die gravierenden Auswirkungen des Klimawandels auf das Leben der Inuit im Norden Kanadas. Neue Wörter, wie "silaup asijjipallianinga" („der sich schrittweise vollziehende Wetterwechsel“) mussten erfunden werden, um mit den heutigen Lebensbedingungen Schritt zu halten. In der schwedischen Enzyklopädie „Nordisk Familjebok“ (1910) fand ich unter dem Stichwort „Is“ (Eis) Abbildungen verschiedenster Schneekristalle. Sie dienten mir als Vorlagen für eine dreiteilige Gruppe aus Radierungen. Alle Formen sind aus Sechsecken aufgebaut. Ihre vielfältige Gestalt reicht von  geometrischen Grundrissen bis hin zu komplexen pflanzenartigen Ornamenten. 

Sind es technische Aspekte, wie die Abbildungsgeometrie der Camera Obscura und die Kreiszahl π,  oder Ungewissheiten, ob Dreieck, Kreis und Symmetrie sich in der Natur finden oder vom Menschen erfunden sind, die die Arbeiten von Ebba und mir miteinander verbinden? Auf jeden Fall besteht unser gemeinsames Material aus ungelösten Fragen, den weißen Flecken zwischen dem Entweder und dem Oder. Sehr unterschiedliche Arbeitsmethoden verselbständigen und potenzieren das Unerklärliche – häufig durch ein Ignorieren von Naturgesetzen oder ihr  Anwenden dort, wo sie eigentlich nicht hingehören.