Some basics

Lutz Jahre: Some basics. In: AKMB News Nr. 3, Jahrgang 5 (Dez. 1999). P. 21-29

Der blaue Leihschein der Berliner Kunstbibliothek ist etwa 72 cm breit und 50 cm hoch. Er wurde außerdem - das ist eher die Ausnahme - gut leserlich ausgefüllt. Bestellt wurde "Mondrian auf der Tube" von Margit Weinberg Staber, dessen Signatur mit 8/1993/1193 angegeben ist. Auf dem Leihschein indes ist noch eine andere, weitaus künstlerischere Signatur zu entdecken, nämlich diejenige von Katrin von Maltzahn. Sie bestellte im November 1995 nicht nur das Buch, sondern sie machte auch aus ihrem Leihschein einen 120 x 90 cm großen Siebdruck. Die gerahmte Arbeit ist der linke Teil ihres "Hyperpainting Mondrian" genannten Diptychons. Der andere Teil, ebenfalls ein Siebdruck, gibt den vergrößerten Ausschnitt einer vorgefundenen, ziemlich engbedruckten Literaturliste zu Piet Mondrian wieder. In der Mitte dieses Blattes blieb eine Fläche leer, die in Format, Größe und Position dem blauen Rechteck des Leihscheins auf dem anderen Blatt des Diptychons entspricht. Der Schatten des Leihscheins wird wie durch ein Passepartout umrahmt von unzähligen Quellenangaben. Neben diesen "Mondrian Bildern" entstanden noch drei weitere Hyperpaintings, die jeweils Ad Reinhardt, Marcel Duchamp und Kasimir Malewitsch gewidmet waren. Diese Künstler waren von Katrin von Maltzahn aufgrund ihrer besonderen Bedeutung für die moderne Malerei ausgewählt worden. Zu sehen war das ganze Ensemble noch im selben Jahr in der Berliner Galerie Wohnmaschine. Ob der diensthabende Bibliothekar, der damals den Leihschein entgegengenommen hatte, auch die Ausstellung gesehen hat, ist leider nicht überliefert. Er aber wäre genau der Richtige gewesen, um bezeugen zu können, dass es zu einigen Künstlern unendlich viel Literatur gibt. Mit Klassikern wie Picasso, Beuys, Duchamp lassen sich in einer Büchersammlung zur Kunst des 20. Jahrhunderts problemlos gleich mehrere Regalböden füllen. Selbst Katrin von Maltzahns kleine Auswahl von Malern macht bereits deutlich, dass die Rezeption von Kunst selten vor dem originären, gemalten Werk stattfindet. Mehr und mehr wird sie auch bestimmt über umfangreiches theoretisches Wissen und ein immenses Informationsangebot, das sich gleich in mehreren verschiedenen Medien wieder findet. Diesem System der Verweise und der im Wissenschaftsbetrieb gängigen Literaturreferenzen geht die Künstlerin exemplarisch nach, nicht etwa um eine wissenschaftstheoretische Debatte zu führen oder um ein Lamento über den Kunstbetrieb anzustimmen - Dinge, die in einer Diskussion weitaus besser aufgehoben wären -, sondern um daraus eigene Bilder zu gewinnen. Wenn man den Bildinhalt, z. B. den von der Künstlerin persönlich ausgefüllten Leihschein genauer betrachtet (er enthält Namen, Adresse, Datum und ausgewähltes Buch), bemerkt man auch, dass dort, wie in einer anderen Art von Selbstporträt, persönliche und biografische Spuren hervortreten.

In den "Hyperpaintings" zeigen sich bereits einige der roten Fäden, die in Katrin von Maltzahns Werk angelegt sind. Sie beschäftigt sich vorzugsweise mit zwei großen Themenkomplexen: zum einen mit verschiedenen sprachlichen Zeichensystemen (wie später noch zu sehen sein wird) und zum anderen mit der Kunstarchivierung. Die Beschäftigung mit eher abstrakten Systemen wie Sprache und Archiv erschöpft sich allerdings nicht in theoretischen Betrachtungen, sondern führt in ein künstlerisches Terrain, das durch den Bezug auf menschliche Proportionen eine weitere Bedeutung erfährt, z.B. durch das quasi portraithafte Hervortreten der Künstlerin im Bildmotiv. Als Bezugspunkt für ihre Systembetrachtungen wählt von Maltzahn zudem immer ein konkretes, nachvollziehbares Umfeld. Beispielsweise knüpft sie häufiger an das Bedeutungsumfeld von Kunstliteratur und Bibliotheken an. Für ihre 1992 entstandene Arbeit "The twenty framed monochromatics" gewinnt sie das Ausgangsmaterial aus der Kunstbibliothek. Dort wählte sie die Porträts von zwanzig Künstlern, die sie als wahlverwandt bezeichnet, aus Katalogen und Zeitschriften aus. Die jeweilige Porträtvorlage überführte sie in einen Siebdruck, der wiederum mit einer weiteren flächendeckenden Farbe versehen wurde. Die endgültigen Bilder erscheinen daher nahezu monochrom, lediglich ein separates Plexiglasschild weist auf die ursprüngliche Quelle des Materials hin. In "Fußnoten" (1992) werden aus ähnlichen Quellen gewonnene, fotografisch reproduzierte Künstlerporträts gar teilweise von Papierschildern mit Fußnoten- oder Quellenhinweisen überdeckt.



Die künstlerische Beschäftigung mit Bibliotheken führte auch zu einem Kunst-am-Bau-Projekt für das Deutsche Bibliotheksinstitut in Berlin (1). 1997 erhielt Katrin von Maltzahn den Auftrag für die künstlerische Gestaltung des seinerzeit geplanten DBI-Neubaus in Berlin, der an der Ecke Dorotheen-/ Charlottenstrasse entstehen und erstmals alle Abteilungen in einem modernen Haus vereinigen sollte. Konsequenterweise bezog Katrin von Maltzahn ihren Entwurf sowohl auf die architektonische Form als auch auf die institutionelle Funktion des Gebäudes. Sie interpretierte das DBI als eine fachspezifische Forschungs- und Beratungseinrichtung, die im verzweigten Netz einer internationalen Bibliothekswelt arbeitet. Als entscheidende Arbeitsprozesse sah sie daher Kommunikation, Speicherung und die Organisation von Wissen. Daraus leitet sich das zentrale Motiv des Entwurfes ab, der Plain-ASCII Code (American Standard for Information Interchange) - ein Zeichensystem, das vor allem zur Speicherung und Informationsübertragung von Texten genutzt wird. Die Künstlerin sah die 94 grafischen Zeichen (2) des Codes (also Buchstaben, Satzzeichen etc.) für die tragenden Innenwände des Gebäudes vor, wo sie im oberen Wandbereich fortlaufend wie Zeilen über alle Etagen gehend angebracht werden sollten. Die Zeichen, als dreidimensionale Holzformen gefertigt, sollten spiegelverkehrt in die Wände eingelassen werden, um symbolisch und entsprechend der Zielrichtung eines Forschungs- und Beratungsinstitutes vom Inneren auf das Außen zu verweisen. Auf der Gebäudehaut hingegen, wurden zu beiden Straßenfronten hin die 34 "Control characters" des Codes (Steuerbefehle für den Computer) im Sockelbereich des Gebäudes angebracht, wo die Zeichen mit dem Gebäudeinneren korrespondieren. Dort, in den Kellerräumen, befinden sich zentrale technische Grundversorgungsanlagen wie Heizung, Wasser, Elektrik und Server. Ähnlich ist auch die Funktion der Zeichen, die als "Control characters" die Grundversorgung der Computerkommunikation sicherstellen. Während die aus Buchstaben zusammengesetzten Steuerbefehle wie ESC, NUL oder SYN in Computern immateriell, d.h. digital gespeichert sind, kommen sie auf der steinernen Gebäudehaut materiell zur Geltung. Sie werden eingemeißelt. In dieser Form erinnern sie auch an den Ursprung der Schrift, die in früheren Kulturen etwa als Keilschrift auf Ton- und Steintafeln eingraviert wurde. Motivisch hingegen weisen die als Computersteuerungscodes verwendeten Zeichen in die Zukunft.