Eine Nacht im Archiv

Gerhard Theewen: Eine Nacht im Archiv. In: Katrin von Maltzahn 1996-99.
Berlin: Wiens Verlag 1999.

Es hat alles mit einer bestimmten Sequenz in einem Spielfilm begonnen und zwar mit der Szene aus dem Orson Welles Film "Der Prozess", in der Anthony Perkins sich durch die von Aktenbündeln überquellenden Regale tastet, - Perkins stolpert auch und Aktenberge rutschen aus den Regalen auf den Boden, eine zwar ziemlich freie, aber wunderbare Kafka-Verfilmung mit einer atemberaubend klaustrophobischen Stimmung. Mir ist es übrigens nie gelungen - trotz mehrmaligen aufmerksamen Lesens - diese Stelle im Buch zu finden. Aber ich schweife ab. Also, diese Szene aus dem Film hat mich immer sehr stark angesprochen; wahrscheinlich, weil hier eine irrsinnige Ordnung auf irrsinnige Weise durcheinander gebracht wird. Mir fiel dazu irgendwann mal eine sehr nachdenklich machende Definition in die Hände: Ordnung, eine Form des Lebens- und Arbeitsstils. Sie ist unabdingbare Voraussetzung für systematisches Tun und Wirken, sowohl im individuellen wie im sozialen Bereich. Die Phantasie (mit Einfallsreichtum) kann ein bestimmtes Ordnungssystem durcheinander werfen, um ein neues zu strukturieren. Ohne ein Ordnungssystem lässt sich kein Tätigkeitsgebiet, also auch nicht das Lehren und Lernen, bewältigen, weder innerhalb der Einzelperson noch unter den Menschen. Es handelt sich um eine Grundabhängigkeit des Menschen von den ihm vorgegebenen Naturordnungen. Der Begriff Ordnung steht im Zentrum folgender affiner Phänomene, welche die individuellen Differenzen mitbestimmen: Zufall - Labilität - phantastische Aktivität - Gefühlsüberschwang - Einfallsreichtum - Flüssigkeit - Ordnung - Pedanterie - Kleinlichkeit - Starrheit.

Spätestens nach Kenntnis dieser Definition hatte es mich so gepackt, dass ich begonnen habe, mich mit dem Archiv oder dem Archivgedanken, also dem Zusammentragen von Daten, Fakten, Archivalien, zu beschäftigen. Das ist übrigens alles nicht so einfach, wie man sich das vorstellt, es ist geradezu kompliziert, wenn man es richtig machen will. Wenn man es aber nicht richtig macht, und zwar "nach den Regeln der Kunst", kann man es auch direkt sein lassen, dann hat es überhaupt keinen Sinn, damit anzufangen. Das hat mir übrigens ein Archivar am Telefon anvertraut, der meinte, das Archivieren erfordere eine besondere Einstellung zum Gegenstand des anzulegenden Archivs, in der Regel ja Nachlässe, also etwas, das als abgeschlossen zu betrachten ist. Im Gegenteil, so musste ich ihm entgegnen, in diesem konkreten Fall kann man gar nicht von abgeschlossen reden, es kommt immer mehr dazu, denn es handelt sich um das Archiv einer Künstlerin. Eine äußerst seltene Angelegenheit, die man bei Nachlässen so gar nicht kennt, bekam ich daraufhin zu hören, woraufhin ich erwiderte, dass es ja auch gar kein Nachlass ist. An diesem Punkt kam das Gespräch ins Stocken, da mein Gesprächspartner scheinbar nicht willens oder fähig war, sich auf diese ihm nur schwer nachvollziehbare Besonderheit einzulassen, oder einzustellen. Als ich den Hörer auflegte, meinte ich immer noch dieses permanente Rascheln zu vernehmen, das unsere gesamte Konversation begleitet hatte; übrigens eine weit verbreitete Unart, während des Telefonierens still vor sich hinzuarbeiten. Am anderen Ende der Leitung bekommt man dann das unschöne Gefühl, man störe bei etwas Wichtigerem. Obwohl ich mir von diesem Telefongespräch wesentliche Hinweise versprochen hatte, tröstete ich mich mit dem Gedanken, dass es ja wohl noch andere Quellen geben wird ... Obwohl es noch einen dringenden Fototermin gab und ich immer noch nicht wusste, wann ich nach Rhodos fahren würde, entschloss ich mich, meine Recherchen nicht wie zuerst geplant in Lübeck, am Meer, wie ich es nannte, sondern in Berlin, auf dem Land, fortzusetzen. Wenn man nicht willens oder in der Lage war, mir am Telefon befriedigende Auskunft zu erteilen, half nur eins: "Do it yourself!"

Zwei Tage später, ich saß gerade im Garten, erhielt ich in einem etwas abgegriffenen Kuvert unaufgefordert Hinweise zu einem geheimnisvollen "Archiv der Archive":

Das Archiv der Archive blickt auf eine langjährige Geschichte zurück. Seine Bestände spiegeln den Aufstieg und Niedergang und die vielseitige Geschichte wider. Der überwiegende Teil der Archivalien stammt aus der Blütezeit in der ersten Hälfte des Jahrhunderts. Heute besteht das Archiv aus mehreren unterschiedlichen Abteilungen, die neben den historischen Handschriften auch Dokumentationsmaterial zum aktuellen Wiederaufbau der Archive bereithalten. Als Teil des Studienzentrums ist das Archiv in dem historischen Bibliotheksgebäude und den angrenzenden Häusern der ehemaligen Anstalt untergebracht. Der Bestand des Archivs gliedert sich in mehrere Abteilungen mit einer jeweils eigenen Binnensystematik:


Das Hauptarchiv ist aus der alten Handschriftensammlung der Bibliothek entstanden. Es enthält die umfangreiche Korrespondenz der Anstaltsleitung mit Partnern in aller Welt sowie die Tagebücher. Darüberhinaus liegt hier eine Vielzahl von Handschriften, die den Anstalten im Laufe der Jahrhunderte durch Privatnachlässe übereignet wurden. Als geschlossener Bestand ist hier auch das Archiv zu finden.
Findmittel: Findbücher; alphabetische Verfasserkartei für jedes Einzelschriftstück; alphabetische Empfängerkartei für jedes Einzelschrift-Stück; chronologische Kartei; Standortkartei und Ortskartei.

Das Missionsarchiv ist in eine Indien- und eine Nordamerikaabteilung untergliedert und enthält umfangreiches Archivmaterial zu der Diasporaarbeit in Übersee, die vom Waisenhaus aus betreut wurde.
Findmittel: Findbücher; alphabetische Verfasserkartei für jedes Einzelschriftstück; alphabetische Empfängerkartei für jedes Einzelschriftstück.



Das Wirtschafts- und Verwaltungsarchiv
enthält den historischen Kern der Archive. Es hält vor allem interne Anstaltsakten und Dokumente bereit, die von Beginn an aus Gründen der Rechtssicherung aufbewahrt wurden und heute vielfältiges Quellenmaterial zum Organismus der Stiftungen im Wandel der Jahrhunderte bieten.
Findmittel: Findbuecher mit Stichwortregister.



Das Schularchiv
bietet Material zu den zahlreichen pädagogischen Einrichtungen in den Archiven. Während sich die Grundakten überwiegend im Wirtschafts- und Verwaltungsarchiv befinden, wurden die Schulakten später gesondert archiviert.
Findmittel: Bestandsübersicht; Findkartei; Systematische Kartei.



Das Planarchiv
enthält vielfältige Zeichnungen und Abbildungen, die vor allem im Zusammenhang mit der fortwährenden lebhaften Bautätigkeit in den Archiven stehen. In Ergänzung zu den einschlägigen Akten im Wirtschafts- und Verwaltungsarchiv kann mit Hilfe dieser Quellen die Geschichte von nahezu allen Stiftungsgebäuden nachvollzogen werden.
Findmittel: In Vorbereitung.



Das Palmblatthandschriftenarchiv
ist die größte Sammlung dieser Art in Europa und umfasst ca. 260 Handschriften mit über 35.000 Einzelblättern. Dabei handelt es sich um Bibelübersetzungen, Predigten und andere Schriften, die die halleschen Missionare in den indischen Sprachen Tamil und Telugu verfassten und nach Europa sandten. Hier wurden sie zunächst in der Kunst- und Naturalienkammer des Waisenhauses aufgehoben, bevor sie eine eigene Archivabteilung bildeten.
Findmittel: Auf Anfrage.



Das Bildarchiv
setzt sich zu einem kleinen Teil aus historischen Gemälden und Kupferstichen und zum überwiegenden Teil aus nahezu 5000 Fotografien zusammen, die im Laufe der jüngeren Archivgeschichte entstanden sind und in wachsender Zahl hinzukommen. Dabei handelt es sich vornehmlich um Bilder von Schülern, Lehrern und anderen Archivangehörigen sowie um Aufnahmen von Archivgebäuden, Gebäudeteilen und Inventar. Zunehmend werden auch aktuelle Ereignisse in den Archiven fotografisch dokumentiert und hier archiviert.
Findmittel: Auf Anfrage.